MONDNACHT
MONDNACHT

Ein Tanz ganz eigener Art – im Bochumer Rottstr5-Theater.

Zwar ist diese Choreographie von der deutschen Romantik inspiriert, zum Schluss klingt Eichendorffs „Mondnacht“ aus dem Lautsprecher, doch was Rolf Dennemann mit seinen „tanzenden“ Armen und Händen vollführt, reicht tiefer als nur bis zu gefühligen Bewegungsabläufen. Rolf, mit einer Art Mönchkutte bekleidet, aus der er sich bis zur Hüfte herauswindet, sitzt auf einem Stuhl. Wie Schlangen bewegen sich seine Arme, umschlingen den nackten Oberkörper, die Finger greifen ins Gesicht, streifen darüber, drücken darauf; das Gesicht bleibt reglos, dann werden die Augen schreckstarr groß, ein Lächeln – nein, nicht der Heiterkeit, eher der Verzweiflung – zeigt sich auf den Lippen. Die Arme vollführen einen Tanz um die Mitte intensiv erlebter existenzieller Erfahrung. Eine radikale, aufrüttelnde Inszenierung, eine reduzierte Choreographie, an der ausschließlich der Oberkörper beteiligt ist. Dieser bitter bewegende Auftritt beendete den ersten Abend des kleinen Festivals „Deutschlandshorts“ auf der Bochumer Rottstr5-Bühne, das als theatralische Bestandsaufnahme der aktuellen politisch-gesellschaftlichen Lage im Lande konzipiert ist. Gestern waren fünf Kurz-Beiträge zu sehen, darunter Rolfs „Mondnacht“; heute schließen sich fünf weitere zeitlich knapp bemessene Inszenierungen an.

Nachsatz. Ich kenne Rolf Dennemann, ein eifriger Akteur der freien Theaterszene, seit langem. Am Radioroman „Blackbox B 1“ des WDR in den 1980er Jahren waren wir beide beteiligt. Ich muss sagen, so intensiv wie im Rottstr5-Theater habe ich Rolf bislang noch nicht erlebt.

 

Freier Schriftsteller; Ex-Kulturjournalist der WAZ

Erstellt am 12.11.2017
Kategorie(n): Aktuelles | Schlagwort(e):

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